Die dunkle Seite von social media. Von unser Sehnsucht nach Bestätigung und Gottes Gnade

Beim Hansebarcamp der Nordkirche durfte ich über meine Erfahrungen mit „dem Internet“ sprechen. Dabei ist ein kleiner Vortrag herausgekommen, dessen Manuskript ich hier gerne teile.

Das Team von Hansebarcamp hat den Vortrag sogar aufgenommen. Wen es interessiert, der mag hier auf youtube einmal reinschauen:

Das Thema meines Impulsvortrages lautet: Die dunkle Seite von social media.

Manche von euch kennen mich schon ein bisschen und wissen es vielleicht: Ich gehöre zu denen, die theologisch eher ein konservatives Profil haben. Und mit etwas Augenzwinkern denkst du dir vielleicht: „Die dunkle Seite von social media? Das ist doch ehrlich gesagt dieser dunkle Rand der Theologie! All die Rede von Sünde, Schuld und Sühne. Und an jeder Ecke luckt das Opferlamm hervor.

Deswegen dachte ich mir, es wäre nur angemessen, heute ein bisschen dieser Fremdwahrnehmung zu entsprechen – und über Sünde sprechen. Über Sünde und social media.

Sünde = alles, was Spaß macht?

Dabei ist zunächst einmal ganz entscheidend, was wir mit Sünde meinen. Lasst mich sagen, was ich damit nicht meine.

Als ich 15 Jahre alt war, gab es diese Werbung von einem großen deutschen Tiefkühlpizzahersteller. 20 Priester sitzen um einen Tisch und essen leckere Tiefkühlpizza. Sie schmeckt ihnen so gut, dass sie vor Freude jauchzend ausrufen: „Das muss Sünde sein!“

Die dahinter stehende Definition von Sünde lautet also: „Sünde ist das, was Spaß macht.“ Das meine ich nicht. Ich glaube nicht, dass man alles problematisieren und verbieten sollte, was Spaß macht. Und ehrlicherweise mag ich Tiefkühlpizza.

Wenn ich über Sünde rede, dann finde ich vielmehr das enorm hilfreich, was Luther im Katechismus dazu sagt. Nach Luther sollen wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. An Gott allein soll unser Herz hängen. Sünde ist darum: Wenn wir etwas an sich Gutes nehmen, es aber zu sehr lieben, daran zu sehr hängen, dass es uns zu faktisch zu einem Gott wird und den lebendigen Gott ersetzt. Und genau das passiert – zumindest bei mir – beim Thema social media!

Wobei ich das natürlich in meinem Leben dauernd mache, nicht nur beim Thema social media, dass ich etwas Gutes nehme, das Gott mir geschenkt hat, und mein Herz zu sehr daran hänge. Aber ich tue es eben auch bei social media.

Ich finde diesen Ansatz von Luther ausgesprochen hilfreich. Warum? Weil ich so die Schattenseiten von social media benennen kann – ohne es grundsätzlich zu problematisieren. Ich muss nicht gleich das ganze Internet verteufeln.

Solche Grundsatzkritik bewahre ich mir für den Ruhestand auf. Dann werde ich regelmäßig Zeitungsinterviews geben, in denen ich erkläre, warum das alles ehe nichts bringt und warum die jungen Kollegen alles ganz falsch machen. Und Falschparker aufschreiben. Es wird ein großartiger Ruhestand.

Wenn aus Benachrichtigungen Bestätigungen werden

Wenn ich also in diesem Sinne über Sünde und social Media spreche, dann rede ich in erster Linie von mir selbst. Kein Zeigefinger. Ich spreche von mir. Ich spreche von diesem Bild. Von dieser kleinen, roten Zahl über der twitterapp. Für dich mag es nur eine Benachrichtigung sein. Für mein Herz ist es nicht nur eine Benachrichtigung, sondern eine Bestätigung.

Jemand fand das, was ich geschrieben habe, wichtig. Jemand findet mich so interessant, dass er mir folgt. Jemand findet mich so reizvoll, dass er meinen Beitrag kommentiert. Jeder Retweet ist Balsam für die Seele. Die kleine rote Zahl ist für mich nicht nur eine Benachrichtigung, sondern die Bestätigung: „Du bist wichtig! Du bist wertvoll!“

Dabei kenne ich mich eigentlich ziemlich gut mit Zeitmanagement aus. Und die Experten sind alle einhellig der Meinung: Benachrichtigungen gehören abgestellt. Sie sind Zeitfresser!

Das weiß ich. Aber warum stelle ich sie dennoch nicht ab? Weil ich diesen Satz nicht oft genug hören kann: „Du bist wertvoll. Du zählst.“

Und ja, natürlich weiß ich, dass das theologisch Quatsch ist! Ich bin wertvoll, weil Gott mich als wertvoll erachtet, weil ich durch die Taufe zu Christus gehöre.  Ja, das weiß ich. Aber mein Herz glaubt etwas anderes.

Wisst ihr, wann ich besonders wenig schlafe? Wenn ich kurz vor dem Einschlafen noch etwas twittere. Weil ich mich dann dabei erwische, wie die Hand automatisch zum Nachtisch greift, um nochmal zu checken, wie die Resonanz ist. Weil ich die Stimme der Bestätigung noch mal hören will.

Ich lebe von Likes. Ich twitter, also bin ich wertvoll.

Vom peinlichen Vergleichen

Und was noch viel peinlicher ist: Natürlich hat das auch etwas mit vergleichen zu tun Denn natürlich ist es irgendwie wichtig, dass die Zahl der Leute, dir mir folgen, größer ist als die Zahl der Leute, denen ich folge.

Natürlich weiß ich, dass auch das Quatsch ist. Dass ich mich nicht vergleich muss. Dass ich es für meinen Selbstwert gar nicht brauche, besser zu sein als andere. Aber sag das doch einmal meinem Herzen.

1954 stellte Leon Festinger die Theorie des sozialen Vergleichs auf, die besagt, dass Menschen ihren Selbstwert doch oftmals im Vergleich mit anderen gewinnen.

Und wenn die Kollegin Carola Scherf dann gefühlte 5 Monate vor dem Hansebarcamp twittert, dass sie mit ihrem Vortrag schon fertig ist, dann macht das natürlich was mit einem.

Johannes Calvin sagte einmal, unser Herz sei eine Götzenfabrik. Meines ist es auf jeden Fall. Es sucht seinen Wert überall, nur nicht bei Gott.

Das Problem verstärkt sich bei mir auch dadurch, dass wir Pastorinnen und Pastoren in der Tendenz besonders beziehungsorientierte Typen sind. Das Helfersyndrom ist unter uns weit verbreitet. Und das heißt eben auch: Wir leben von Bestätigung.

Könnt ihr euch vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, wo der Pastor die Gemeinde nicht an der Kirchentür verabschiedet hat, sondern nach dem Gottesdienst wieder in die Sakristei gegangen ist? Ich frage mich nur: Wie haben die Kollegen denn damals ihre Bestätigung bekommen? Wann haben sie gehört, dass der Gottesdienst gerade bei ihnen erfrischend anders ist?

Warum sollte die Dynamik online eine andere sein?

Ich bin nicht allein

Ich rede mit all dem von mir, aber ich bin mit all dem nicht allein. Welche ambivalenten Auswirkungen social media gerade für Jugendliche hat, wissen viele von euch. Und nochmal: Es sind nicht einseitig negative Auswirkungen, sondern eben ambivalente.

Der US-Amerikanische Psychologe Jonathan Haidt berichtet in seinem Buch „The Coddling of the American Mind“ wie Angstzustände und psychische Krankheiten unter Jugendlichen zunehmen. Oftmals hängt es mit social media zusammen. Und es sind nicht nur, aber vollem junge Mädchen, die darunter leiden.

Als Jugendlicher in den Spiegel zu schauen ist schon schwer genug, aber sich dann noch mit diversen Fotos, die durch so manche Insta-Filter gelaufen sind, zu vergleichen, das gibt einem den Rest.

Haidt berichtet von 70% Zunahme von diagnostizierten Angstzuständen unter Teenagern.

David Zahl kommt in seinem wunderbaren Buch seculosity zu folgendem bemerkenswerten Satz: „Virtually every discussion of on-campus suicide references the omnipresence of social media.“

Zahl adressiert damit das schwierige Thema von Suizitfällen an Universitäten. In diesem Zusammenhang hat sich auch die Rede vom penn face etabliert. Penn face meint: Ich gebe mich nach außen, fröhlich und selbstsicher. Bin innerlich aber traurig ohne Ende und gestresst.

Was können wir da machen? Die schnelle und leichte Antwort könnte sein, dass wir alle nur authentischer zu sein brauchen. Dass wir einfach mehr zu unseren Schwächen stehen. Aber Vorsicht: Sind wir nicht ebenso gut darin, unsere Schwächen zu inszenieren, um uns die digitale Bestätigung abzuholen? Und mache ich mit diesem Vortrag nicht genau das?

Build your own Leistungsreligion!

Ein weiteres Problem möchte ich noch ansprechen. Wann immer wir Menschen aus guten Dingen Götzen machen, wann immer wir aus guten Dingen eine Ersatzreligion machen, dann wird die neue Religion stets zu einer Leistungsreligion. Vor einem Götzen werden wir niemals aus Gnade gerechtfertigt, sondern immer aus Werken.

Social Media ist eine wunderbare Gabe Gottes. Aber machen wir sie zu einem Götzen, dann muss ich für diesen Götzen leisten. Wir müssen ihm dienen.

Das kleine Herz auf twitter gibt es nicht geschenkt. Mir muss vorher schon ein kongenialer Gedanke gekommen sein, denn ich tweeten konnte und der bei anderen Beachtung fand. Natürlich hängt die Anzahl der Likes mit der Qualität des Beitrags zusammen.

In der religiösen Sprache: Ich werde für gute Werke belohnt. Und das muss nicht, aber kann wie in meinem Fall, bei dem enden, was David Zahl performcism nennt. Das heißt: Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen dem, was ich tue und dem, was ich bin. I am, what I tweet.

Dass von Technik ein Leistungsdruck ausgeht ist keine neue Einsicht. Bereits 1983 beschrieb Ruth Schwartz Cowan in ihrem Buch „More Work for Mother“, dass die Erfindung von Staubsauger und Waschmaschine, die gemeine Hausfrau nicht etwa entlastet hat, sondern einfach nur den Sauberkeitsstandard erhöhte.

Als Pastor kann man mit einem smartphone noch um 23:00 Uhr im Bett arbeiten. Oder im Urlaub. Und weil man es kann, wird es irgendwie auch erwartet.

Und so sind wir alle unglaublich beschäftigt. Dabei ist der Satz „Ich bin so beschäftigt“ ja auch nur eine Spielart von „Ich bin wertvoll“.

„Du hast nur eine kleine rote 1 als Notification? Bei mir sind das immer 20.“

Bergpredigt 2.0

Nach so viel Problemanalyse. Was können wir da machen? Ich weiß, was jetzt kommt ist nicht sonderlich innovativ, aber ich denke, wir brauchen es, dass wir das Evangelium hören.

Du bist wertvoll nicht wegen der Anzahl deiner Follower, sondern weil Jesus dir gefolgt ist. Hat den Himmel verlassen und gegen einen Stall eingetauscht, durch den es zieht. Um dir zu folgen, um bei dir zu sein. Die Anzahl der Herzen und Likes in social media ist nichts gegen all die Likes, die Gott in dem Taufwasser verborgen hat und mit denen er dich überschüttet hat. Du bist nicht, was du online beiträgst, sondern du bist mit Jesus Christus verbunden. Und er hat bereits das perfekte Leben gelebt, dem brauchst du nichts hinzuzufügen.

Das müssen das nicht nur einmal hören, sondern wieder und wieder. Denn mein Herz glaubt das von Natur aus nicht.  Mein Herz glaubt von Natur aus, dass bin, was ich leiste. Und ich lebe in einer Welt, die mich darin in vielem nur bestätigt.

Ich kenne es aus manchen evangelikalen Gemeinden, dass man sagt, wir reden hier nicht über das Evangelium, denn das kennt eh jeder. Wir setzten das voraus.

Bitte, bitte, lasst uns das Evangelium nicht voraussetzen, sondern es uns online gegenseitig zurufen.

Selig sind, die da arm an Followern von Likes sind, denn euch folgt das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen, und online vorgeben glücklich zu sein, obwohl sie es nicht sind, denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach digitaler Bestätigung, denn in Jesus sind sie satt an Bestätigung.

Selig sind die, mit denen in der Whatsappgruppe niemand barmherzig ist, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig seid ihr, auch wenn eure Motive online nicht immer reinen Herzens sind, denn als Getaufte werdet ihr Gott schauen.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen mit einem Shitstorm übergießen und mit allerlei Hasskommentaren gegen euch reden und dabei lügen. Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.

Ihr seid in Christus.

Normalerweise würde ich Amen sagen. Aber hier belassen wir es vielleicht einfach nur bei einem: Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.