Der Schatz von Weihnachten

Das Evangelium von Jesus Christus ist ein Schatz ohne Boden. So reich, dass man immer wieder etwas Neues und Kostbares entdeckt. Vielleicht kennen Sie diese Erfahrung. Einen altbekannten Bibeltext lese ich zum zwanzigsten Mal und auf einmal fällt mir etwas auf, das mir die ersten neunzehn Mal entgangen war. Plötzlich ist mein Herz voll Freude. An Gottes Schatz können wir uns niemals ausfreuen.

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(C) by Thommy Weiss / pixelio.de

An Weihnachten ist es nicht anders. Natürlich ist hier auch vieles inzwischen altbekannt. Daran, dass der Spekulatius schon Ende August in den Regalen steht, hat man sich ebenfalls gewöhnt. Mit der Weihnachtspredigt ist es womöglich auch nicht anders. Vieles hat man schon oft gehört: Dass Gott einer von uns wurde. Dass das Licht Gottes in unserer dunklen Welt scheint.

Aber auch an Weihnachten lohnt es, tiefer in Gottes großer Schatzkiste zu graben. Denn die Tiefe der Schönheit von dem, was da einst in Bethlehem geschah, dass können wir in zwanzig Leben nicht ausleuchten und begreifen.

Für mich ist Paul Gerhardt einer der größten Experten, wenn es um Weihnachtsschätze geht. Es lohnt sich, bei ihm in die Schule zu gehen. Mit seinen Weihnachtsliedern auf den Lippen schließen sich neue Tiefen auf.

Ich habe ein Lieblingsweihnachtslied von Gerhardt. Aber leider findet man es nicht im aktuellen „Evangelischen Gesangbuch“. Es ist nicht nur seiner Melodie nach wunderschön. Es heißt: „O Jesu Christ, Dein Kripplein ist.“

Darin beschreibt Gerhardt nicht nur, wie – in Jesus – Gott einer von uns wurde, sondern noch etwas Zweites, Wunderbares. Weihnachten heißt nicht nur, dass der Gottessohn in die Tiefen und die Dunkelheit unseres menschlichen Lebens hinabstieg, sondern eben auch, dass er die Menschheit empor holt und zu sich in die Himmel zieht. Der Kirchenvater Irenäus sprach in diesem Zusammenhang von Anakephalaiosis. Gott hat uns in Christus hinaufgeführt (Vgl. Eph 1,10).

Weihnachten heißt: Der Sohn Gottes wird Mensch. Und das Schöne ist: Der Sohn Gottes bleibt Mensch. Das geht weit über Weihnachten hinaus und ändert sich auch mit der Himmelfahrt Christi nicht. Denn nun sitzt dort, zur Rechten Gottes, ein Mensch. Einer wie Du und ich. Bei Gerhardt klingt das so:

3. Du, höchstes Gut, hebst unser Blut /

in deinen Thron hoch über alle Höhen. /

Du, ewge Kraft, machst Brüderschaft /

mit uns, die wie ein Dampf und Rauch vergehen.

Doch Gerhardt bleibt dabei nicht stehen. In den folgenden Strophen leuchtet er aus, was es für seelsorgliche Konsequenzen hat, dass mit Jesus nun „mein Fleisch und Blut“ die Geschicke des Weltalls lenkt.

Gerhardt beschreibt das zunächst für den Bereich der Anfechtungen, die das christliche Leben begleiten. Denn die Vorwürfe und Anklagen des Teufels können einen Christen verzweifeln lassen. Wenn man zum Beispiel nur seine eigene Sünde zu sehen vermag und der Teufel einem die Fehler der Vergangenheit und den schwachen Charakter in der Gegenwart vorhält.

Die Bibel beschreibt diese Momente wie eine Gerichtsszene (Vgl. Sach 3). Im himmlischen Thronsaal tritt der Satan auf, steht „zur Rechten Gottes, um uns vor Gott zu verklagen. Er zählt in schmerzhafter Art und Weise alle unsere Schuld und Sünde auf. Dadurch wird uns bewusst, dass es uns an der Gerechtigkeit fehlt, die wir brauchen, um vor unserem Schöpfer zu bestehen.

Gerhardt kennt diese schmerzlichen Momente. Aber er kennt auch den Schatz von Weihnachten in seiner Tiefe. Darum kann er dem etwas ausgesprochen Tröstliches entgegenhalten. Er dichtet in unnachahmlicher Weise:

4. Was will uns nun zuwider tun /

der Seelenfeind mit allen Gift und Gallen? /

Was wirft er mir und andern für, /

dass Adam ist, und wir mit ihm, gefallen?

5. Schweig arger Feind! Da sitzt mein Freund, /

mein Fleisch und Blut, hoch in dem Himmel droben. /

Was du gefällt, das hat der Held /

aus Jakobs Stamm zu großer Ehr erhoben.

6. Sein Licht und Heil macht alles heil, /

der Himmelschatz bringt allen Schaden wieder. /

Der Freudenquell Immanuel /

schlägt Teufel, Höll und all ihr Reich darnieder.

Wie wunderbar! Auch das heißt Weihnachten: Der Teufel – der arge, alte Seelenfeind – muss schweigen. Denn zur Rechten Gottes sitzt nun „mein Fleisch und Blut“. Denn der Sohn Gottes hat zu Weihnachten unsere menschliche Natur angenommen. Damit wurde Christus auch zu unserem Bruder. Nun sitzt „hoch in dem Himmel droben“ ein enger Verwandter, der unaufhörlich für uns eintritt. Der Teufel hat damit die entscheidende Schlacht verloren. Christus hat sein Reich niedergeschlagen.

Auch das feiern wir an Weihnachten. Dass der menschgewordene Gottessohn dank Bethlehem zur Rechten Gottes sitzt. Und das hat nach Gerhardt noch eine weitere Konsequenz:

9. Du siehest ja für Augen da /

dein Fleisch und Blut die Luft und Wolken lenken. /

Was will doch sich (ich frage dich) /

erheben, dich in Angst und Furcht zu senken?

1o. Dein blöder Sinn geht oft dahin, /

ruft Ach und Weh, lässt allen Trost verschwinden. /

Komm her und richt dein Angesicht /

zum Kripplein Christi, da, da wirst du’s finden.

Gerhardt beschreibt ein altbekanntes Phänomen. Statt dem Trost, den wir Christen eigentlich empfinden könnten, ist unser Leben geprägt von Angst und Furcht. Jeder hat seine eigenen Themen, die ihm Sorge bereiten. Vielleicht ist es die Gesundheit, die finanzielle Zukunft oder wie es mit geliebten Menschen weitergeht.

Was auch immer es ist, oftmals geht unser „blöder Sinn“ dann mit uns durch. Wir sehen nur noch unsere Angst. Doch Gerhardt hält dem entgegen: Denk an Weihnachten!  Denn seit Weihnachten gibt es in der letzten Tiefe keinen Grund mehr zur Sorge. Warum?

Stellen Sie sich einmal vor, ihr geliebter Bruder wäre Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Sie wären verwandt mit der Person, die die Geschicke einer Nation in einem erheblichen Maß in den Händen hält. Sie müssten sich keinerlei Gedanken machen, dass irgendetwas beschlossen würde, dass Ihnen schaden könnte. Wäre das nicht schön?

Ein Christ hat es noch besser. Denn unser Bruder ist viel mehr als das! Er lenkt nicht nur die Geschicke eines Staates, sondern die Geschicke des Weltalls. Wann immer ich nach oben zum Himmelszelt schaue, wird mir eines deutlich: Mein Fleisch und Blut lenkt die Luft und die Wolken.

Das ist die Seelsorge von Weihnachten. Das ist der Schatz ohne Boden: Wann immer mich mein Gewissen verklagt oder ich keine Hoffnung in mir finden kann, halte ich es mit Gerhardt:

Komm her und richt dein Angesicht

zum Kripplein Christi, da, da wirst du’s finden.

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