Was soll ich vom Bibliolog halten?

Seit einigen Jahren wird diskutiert, ob der Bibliolog eine echte Alternative zur „klassischen“ Predigt ist. In diesem Beitrag stelle ich euch meinen Eindruck vom Bibliolog vor.

© Master isolated images / FreeDigitalPhotos.net

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Vor einem knappen halben Jahr habe ich das erste Mal einen Bibliolog in einem Gottesdienst erlebt. Für mich war das ganz neu. Bevor ich euch meine Eindrücke mitteilen möchte, hier erst mal ein paar grundlegende Ausführungen: Was ist eigentlich Bibliolog?

Was ist Bibliolog?

Vorab. Ich bin kein Kenner des Bibliologs. Aber so habe ich dieses Konzept bisher verstanden:

Bibliolog kommt wie viele neue Predigtkonzepte von der Rezeptionsästhetik her. Der Hauptgedanke: Ein Bibeltext hat nicht die eine Aussage, sondern ist vielstimmig.

In der Sprache des Bibliologs entspricht dem die Unterscheidung in „schwarzes“ und „weißes Feuer“. Neben den schwarzen, gedruckten Buchstaben des Bibeltextes, gibt es noch viele weiße Leerstellen, die wir ganz persönlich ausfüllen können.  Johannes 20 berichtet davon, wie der auferstandene Jesus dem zweifelnden Thomas begegnet (schwarzes Feuer). Nicht im Text steht aber, wie sich Thomas dabei gefühlt hat, was ihm wohl durch den Kopf geschossen ist (weißes Feuer).

Wie läuft ein Bibliolog praktisch ab?

Der Prediger hält beim Bibliolog keinen Vortrag, vielmehr bezieht er die Gottesdienstbesucher aktiv ein. Er liest den Bibeltext, macht dabei aber immer wieder Pausen. In diesen Pausen geht er durch die Reihen und ermutigt die Menschen, sich nun in eine bestimmte Person der Bibelgeschichte einzufühlen. Mehrere Gottesdienstbesucher dürfen ihre Eindrücke dann vor der Gemeinde äußern.

Warum ich dachte, Bibliolog nicht zu mögen

Ich will ehrlich sein. Bisher hatte ich nur in der Theorie etwas über Bibliolog gelesen. Und ich war skeptisch. Ich teile die Hauptgedanken der Rezeptionsästhetik nicht. Mir ist es wichtig, die Eindeutigkeit der Bibel zu betonen, ihre Klarheit, um es mit Martin Luther zu sagen. Ich mag die „klassische Predigt“. Mit dieser Skepsis bin ich in den Gottesdienst gegangen.

Mein Eindrücke – Was ich klasse fand

Dann saß ich da und der Bibliolog ging los. Thema: Die Emmaus-Jünger. Nach dem Gottesdienst habe ich dann bei mir gedacht: Da gibt es doch einiges, was ich gut fand und zwar Folgendes:

1) Predigtgrundlage ist die Bibel. Ich liebe die Bibel. Für mich persönlich gehört sie ins Zentrum der Predigt. Da bin ich so gesehen „konservativ“. Und da ist der Bibliolog nun eben auch irgendwie „konservativ“. Die Bibel steht hier ganz im Mittelpunkt. Das fand ich echt klasse.

2) Ich beschäftige mich persönlich mit dem Text: Wer kennt das nicht? Die Predigt rauscht an einem vorbei und zum Bibeltext bau ich keine Beziehung auf. Anders beim Bibliolog. Ich komme ja gar nicht darum herum, mich persönlich mit dem Bibeltext zu beschäftigen. Ich denke und fühle aktiv mit. Das hat irgendwie fast schon etwas Pietistisches.

3) Die Predigt ist nicht so langweilig. Ganz ehrlich? 20 Minuten Rede muss schon sehr gut sein, damit ich gerne zuhöre. Bibliolog hingegen ist interaktiv. Meiner Aufmerksamkeit tut das gut.

4) Ich weiß heute noch welcher Bibeltext dran war.

5) Die Qualität der Predigt ist unabhänger von der Qualität des Predigers. Diesen Punkt will ich vorsichtig formulieren, weil er sehr leicht missverständlich sein könnte. Mein Argument: Weil der Bibeltext und die Gemeinde so sehr im Mittelpunkt stehen, wirkt sich ein „schlechter“ Prediger weniger stark auf die Qualität aus. Damit will ich aber nicht sagen, dass Bibliolog keine Kunst wäre oder keiner intensiven Vorbereitung bedürfe.

6) Bibliolog regt zum Nachdenken und Diskutieren an. Auf dem Nachhauseweg haben meine Frau und ich noch lange über den Bibeltext gesprochen. Was er denn nun „wirklich“ bedeutet. Ob, alle Aussagen der anderen Gottesdienstbesucher wirklich zum Text gepasst haben.

Jetzt mag einer einwenden: „Das geht doch nicht. Es gibt keine richtigen und falschen Interpretationen.“ Jein. Das erkennen sogar Vertreter der Rezeptionästhetik selbst an. Der Bibeltext eröffnet zwar einen ganzen Raum von Interpretationsmöglichkeiten. Aber ein Raum hat eben auch Wände, also Grenzen.

Ja, aber?

Nach all den Worten des Lobes, hier nun mein finaler und wichtigster Einwand gegen den Bibliolog. Das Zentrum des Christentums ist das Evangelium. Zum Wesen des Evangeliums gehört es nun einmal, dass ich es mir selber nicht zusprechen kann. Ein anderer muss es mir sagen. Deswegen brauche ich auf der Kanzel keinen reinen Moderator, sondern einen Prediger, der mir etwas zusagt. Das Fremde, das Andere.

Wenn ich aber noch ein bisschen weiter nachdenke, fällt mir aber noch was anderes ein. Warum muss mir eigentlich der Pastor dieses Evangelium zusprechen? Kann das nicht – wie im Bibliolog – auch ein anderes Gemeindeglied tun?

Frage: Hast Du schon einmal Erfahrungen mit einem Bibliolog gemacht? Was waren Deine Eindrücke? Hinterlasse gerne einen Kommentar! Ich freue mich, von Dir zu lesen.

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