Wenn Du über diesen Schatten springst, kann die Qualität Deiner Predigt steigen

Um die Qualität einer Predigt zu steigern, kann man an vielen Schrauben drehen. Ich möchte Dir eine Stellschraube vorstellen, an die Du vielleicht noch nicht gedacht hast. An ihr zu drehen, erfordert einen gewissen Mut.

© Stuart Miles / FreeDigitalPhotos.net

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Vor knapp 4 Jahren hatte ich ein einschneidendes Erlebnis auf einem Greifswalder Symposium. Der erste Morgen begann atemberaubend. Die Andacht hielt der Praktische Theologe aus Princeton – Cleophus LaRue. Es war die kürzeste, beste und inspirierenste Auslegung des Gleichnisses von den anvertrauten Zentnern, die ich je gehört habe. Auf dem Programm stand noch ein ganze Vortrag von Professor LaRue. Dem fieberte ich entgegen.

LaRue sprach über „black preaching“, also über die Predigtkultur von Afro-Amerikanern in den Staaten und was wir davon lernen können. LaRue machte dabei einen Punkt, der mich sehr überrascht hat: Ein junger schwarzer Prediger macht oft einfach seine großen Vorbilder nach. LaRue hat selbst als junger Prediger zahlreiche Predigen 1 zu 1 kopiert. Also:

Gute Prediger kopieren!

Selbst Tim Keller macht es so

Ähnlich hat es auch Tim Keller gemacht. In einer Zeit seines Lebens hatte er sich so intensiv in die Predigten des Erweckungspredigers George Whitefield eingearbeitet, dass seine Frau am Sonntag Morgen irgendwann schon dachte, da würde Whitefiled höchstpersönlich vor ihr stehen. Und aus Tim Keller ist – trotz Kopierens – nun beileibe kein schlechter Prediger geworden.

Deshalb denke ich mir: Wenn es die Großen so machen, warum sollte ich das nicht auch tun? Mut zum kopieren!

Was jedoch dagegen spricht

Vielleicht regt sich in Dir gerade Widerstand. Und definitiv: Kopieren ist nicht ganz unproblematisch.

  • Vielleicht wirst Du nur eine schlechte Kopie, ein schwaches Abbild des Originals.
  • Vielleicht wirst Du unauthentisch und die Gemeinde merkt Dir an, dass Du Dich verstellst.
  • Der wichtigste Einwand ist ein homiletischer: Keine Predigt kann 1 zu 1 kopiert werden, da der Kontext nie 1 zu 1 identisch ist. Ich kann in Kiel einfach nicht so sprechen wie Bill Hybels in Chicago. Bei einer kopierten Predigt wird die Gemeindesituation ausgeblendet.

Obwohl all das richtig ist, gibt es doch auch manchmal einen anderen Grund, warum wir nicht kopieren wollen und der ist durchaus problematisch.

Oder kommt der Widerstand doch woanders her?

Wir leben in einer individualisierten Gesellschaft. Jeder von uns will ganz besonders sein, ein Unikat und unverwechselbar. Dem liegt der Ansatz, viel Gutes von einem anderen zu übernehmen, irgendwie quer. Das macht auch vor uns Predigern nicht halt. Wenn ein Gedanke nicht von mir kommt, dann sträubt sich in mir auch etwas, diesen zu übernehmen.

Insgesamt aber schmälert das unser Predigtqualtität. Denn am Ende des Tages ist es ja nicht wichtig, ob ich ein origineller Prediger bin, sondern ob die Gemeinde eine gute Predigt hört. Und der ist es in der Regel egal, wer den guten Gedanken ursprünglich einmal hatte.

Meine bisherige Erfahrung: Ich habe mitunter die besten Rückmeldungen für Predigten erhalten, in denen ich über weite Strecken kopiert habe. Also: Springe über diesen Schatten. Habe Mut, an der einen oder anderen Stelle ein bisschen zu kopieren!

Noch nicht restlos überzeugt? Dann würde ich Dich gerne zu einem Experiment ermutigen. Höre Dir einmal diese Predigt von Kevin Kim an und überlege Dir, wie Du sie findest. Danach höre Dir diese Predigt von Tim Keller an und stelle Dir die Frage: War es eher hinderlich oder hilfreich, dass Kevin Kim kopiert hat?

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