Was ist eigentlich dienende Leitung?

Dienende Leitung ist derzeit eines der am meisten rezipierten Leitungsmodelle. In diesem Artikel stelle ich Dir die Textpassage vor, die das Modell am besten auf den Punkt bringt und mache 5 Beobachtungen, die für mich zum Kern von dienender Leitung gehören.

© num_skyman / FreeDigitalPhotos.net

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Dienende Leitung (engl. Servant leadership) geht als Leitungsmodell auf Robert Greenleaf zurück. Die Inspiration für das Modell kam Greenleaf bei der Lektüre von Hermann Hesses „Die Morgenlandfahrt“. Hier ist eine Reisegruppe gemeinsam unterwegs. Die Gruppe wird von einem Diener begleitet – Leo. Doch plötzlich verschwindet Leo und die Gruppe zerbricht. Die Pointe am Ende: Der Diener Leo war auf eine heimliche Art und Weise die ganze Zeit über der Leiter.

Dienende Leitung definiert

In Greenleafs Buch „servant leadership“ gibt es nun eine Passage, in welcher der Grundgedanke von dienender Leitung auf den Punkt gebracht wird. Es lohnt sich sehr über dem folgenden Zitat einmal eine Weile zu meditieren.

„Der dienende Leiter ist in erster Linie ein Diener – so wie Leo dargestellt wurde. Es beginnt mit dem natürlichen Empfinden, dass einer dienen möchte, in erster Linie dienen möchte. Erst dann führt ihn eine bewusste Entscheidung dazu, auch das Leiten anzustreben. Diese Person ist scharf zu unterscheiden von dem, der in erster Linie Leiter ist, der vielleicht meint, einen Machttrieb stillen oder materiellen Besitz erlangen zu müssen. Für so jemanden wird es erst eine spätere Entscheidung sein, auch zu dienen – nachdem seine Leitung etabliert wurde. Der Zuerst-Leiter und der Zuerst-Diener sind zwei Extremtypen. Zwischen ihnen gibt es Schattierungen und Mischungen, was der unendlichen Vielfalt der menschlichen Natur entspricht.

Der Unterschied zeigt sich darin, dass sich der Zuerst-Diener zunächst darum kümmert, den dringlichsten Bedürfnissen anderer Menschen zu dienen. Die beste Testfrage dafür lautet: Wachsen die Personen, denen gedient wird? Werden sie, während ihnen gedient wird, gesünder, weiser, freier, selbständiger und wahrscheinlich selbst einmal Diener? Und, welchen Einfluss hat das dann auf die am wenigsten privilegierten Menschen der Gesellschaft? Profitieren sie davon oder werden wenigstens nicht noch weiter benachteiligt?“

Quelle: Eigene Übersetzung nach: Greenleaf, Robert, Servant Leadership. A Journey into the Nature of Legitimate Power and Greatness, New York 252002, 27.

Wenn ich über diese Worte Greenleafs nachdenke, dann sind mir die folgenden 5 Beobachtungen wichtig geworden:

1)      Erst Dienen, dann Leiten

Greenleaf unterscheidet in zwei Typen. Der eine versteht sich zunächst einmal als Leiter, der andere zunächst einmal als Diener. Dabei wird mehr als deutlich für welchen der beiden Typen Greenleafs Herz schlägt. Und ehrlich gesagt, meines auch. Bei dienender Leitung geht es primär ums Dienen und erst sekundär ums Leiten.

2)      Dienst kann nur eine Tarnung sein

Greenleaf spricht eine Warnung aus. Dienen kann nur Tarnung sein, berechnendes Kalkül. Dienen ist dann ein Mittel zum Zweck, um eigentlich doch herrschen zu können. Ein offizieller Titel des Papsttums lautet „Diener der Diener Christi“. Klingt erst einmal klasse, doch die Realität sah oft anders aus…

3)      Leiten heißt Orientierung am Gegenüber

Bei Leitung geht es in erster Linie nicht um mich, sondern um den Geleiteten. Greenleaf hat hier ein Umdenken gefordert, ein Umdenken „from people using to people building“. Leitung heißt nicht: Wie kann ich den anderen benutzen, um meine Ziele zu erreichen? Leitung heißt vielmehr: Wie kann ich dem anderen helfen, ganz groß herauszukommen?

Das größte Kompliment für einen Pastor ist dann nicht mehr: „Du bist ja ein toller Pastor. Ohne Dich wäre diese Gemeinde nichts.“ Sondern: „Was für eine geniale Gemeinde, in der Du da arbeiten darfst. Da sind so viele großartige engagierte Christen.“

4)      Dienen heißt nicht, dem anderen alle Wünsche zu erfüllen

Schauen wir noch einmal auf Greenleafs Kriterium für dienende Leitung. Es ist das Wachstum des Gegenübers. Wachstum entsteht aber nicht nur dann, wenn ich es dem anderen immer nur Recht mache. Wachstum kann manchmal auch schmerzhaft sein. Dem anderen zu dienen, kann für mich als Führungskraft also auch bedeuten, ihn zu ermutigen aus seiner gemütlichen Komfortzone herauszutreten.

5)      Dienende Leitung hat eine soziale Dimension

Dienende Leitung zielt auf Multiplikation. Hoffentlich übernimmt der andere irgendwann auch den Ansatz des Dienens. Und dann gibt es noch ein Fernziel. Eine ganze Gesellschaft voller Diener.

Frage: Welche Beobachtung machst Du zur Textpassage, die mir entgangen sind? Woran merkst Du, ob Du von einem dienenden Leiter geführt wirst? Was sind für Dich Charakteristika eines nicht-dienenden Leiters? Wo macht dienende Leitung in der Praxis wirklich einen Unterschied? Du hast eine Antwort? Dann hinterlasse Sie gerne in Form eines Kommentars!

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